Reisetagebuch – Wie ein schwimmender Wohnwagen

Reisetagebuch – Wie ein schwimmender Wohnwagen

Das Segelboot meiner Eltern ist elfundhalb Meter lang. Von außen würde man nie glauben, dass sechs Personen darin Platz haben. „Es ist viel größer als es von draußen aussieht“, sagt mein Freund, als er die Kajüte betritt. Er lächelt dabei, denn er ist fast zwei Meter groß und kann sogar in manchen Kabinen stehen.

Ein Segelboot oder besser gesagt eine Segeljacht kann man sich wie ein Wohnmobil vorstellen - ein schwimmendes Wohnmobil: Es gibt Schlafkabinen mit Betten und Schränken, einen Wohnbereich mit Küche inklusive Herd, Kühlschrank und fließendem Wasser und ein kleines Badezimmer. Das Wasser wird aus zwei riesigen Tanks gepumpt. Insgesamt passen sogar 300 Liter in das Boot! Strom gibt es auch. Der wird durch den Motor in den Akkus aufgeladen oder durch die beiden Solarpanelle, die mein Papa gekauft hat.

Das Beste beim Segeln: man hat sein Haus immer mit dabei. Jeden Tag können wir an einen anderen Ort fahren: in einsame Buchten auf Inseln, die man sonst nur mühsam erreichen würde oder in einen großen Hafen zum Beispiel in Split, Biograd oder Dubrovnik. Und immer ist das eigene „Hotel“ nur einige Meter entfernt. Man erspart sich den Weg zum Strand und springt einfach direkt vom Boot ins Meer. Durch den Kühlschrank und die Küche kann man sich auch selber versorgen und mehrere Tage überleben ohne aufs Land gehen zu müssen.

Fortbewegen können wir uns mit der Segeljacht auf zwei Arten: mit dem Motor oder mit den Segeln. Bei beidem bewegen wir uns natürlich nicht so schnell wie eine Motorjacht, die mit dem vierfachen Tempo an uns vorbeidüst. Doch mit dem Wind in den Segeln ein tonnenschweres Boot wie das unsere fortzubewegen, ganz ohne Treibstoff, nur mit der Natur, ist ein unvergleichbares Erlebnis. Da drücken wir bei der Geschwindigkeit gerne ein Auge zu.

Während ich in meinem Roman lese, sitzt mein Freund am Steuerrad und mein Vater erklärt ihm die Windrichtung und den idealen Winkel der Segel. Wir haben beide Segel gesetzt – das Hauptsegel und die Genova - und bewegen uns gerade mit einer Geschwindigkeit von 4 Knoten. Das ist bei einem Segelboot mit mäßigem Wind ein ziemlich gutes Tempo! Wir haben trotzdem noch zwei Stunden bis zu unserem nächsten Ziel: eine Bucht auf der Insel Silba. Doch diese zwei Stunden sind fast wie eine Meditation: Das Rauschen des Windes in den großen Segeln vermischt mit dem Geräusch der Wellen, die gegen den Bug schlagen. Die Seile, die die Segel halten, ächzen unter den enormen Kräften, die beim Segeln wirken. Die Sonne scheint wärmend vom Himmel.

Mein Freund lächelt. Ihm gefällt das Zusammenspiel von Natur und Technik. Und noch mehr ist er fasziniert von dem Bau des Segelbootes: alles hat seinen Platz und jeder kleinste Fleck ist für irgendetwas ausgenützt worden.

Im nächsten Beitrag könnt ihr lesen, warum wir die Insel Silba „Spinneninsel“ getauft haben.

Tina Čakara / kroativ.at

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